DER KLANG DES PROTESTS
Lena Kerschensteiner

Was braucht es, damit eine Bewegung erfolgreich wird und große Teile der Gesellschaft mobilisieren kann? Die naheliegende Antwort lautet: eine überzeugende Botschaft. Doch diese Botschaft allein genügt oft nicht, sie muss auch vermittelt werden.

Ein oft unterschätzter Faktor dabei ist die Ästhetik. Künstlerische und kulturelle Ausdrucksformen wie Symbole, Bilder und Kleidung können Identität sowie ein Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl erschaffen. Viele Bewegungen entwickeln eigene visuelle und sprachliche Codes, die nach innen verstärkend wirken und nach außen ein einheitliches, prägnantes Erscheinungsbild vermitteln. Dadurch kann Sichtbarkeit und Wiedererkennungswert erhöht und somit die die Mobilisierung neuer Anhängerinnen und Anhänger erleichtert werden.

Eines der wichtigsten Elemente dabei ist Musik. Seit Jahrhunderten werden Lieder, Hymnen und Gesänge für diese Zwecke genutzt und erzeugen dabei mehrere Effekte. Zum einen kann gemeinsames Singen Unterschiede zeitweise überbrücken und das Gemeinschaftsgefühl stärken. Es macht kollektive Handlungsfähigkeit durch eine einfache, niedrigschwellige Handlung unmittelbar erfahrbar, wodurch Mut erzeugt und Zweifel reduziert werden kann. Generell kann Musik Emotionen besonders stark transportieren. Politische Botschaften werden so nicht über Argumente, sondern auch über Gefühle und Erinnerungen vermittelt. Tatsächliche spielen derartige Lieder und Hymnen oft bewusst mit kollektiven Erfahrungen aus der Vergangenheit, stellen eine Verbindung zur aktuellen Situation her und schaffen so ein kohärentes Bedeutungsgefüge. Musik, und besonders das gemeinsame Singen, ist damit ein zentrales Element kollektiver Identitätsbildung.

Doch diese Effekte haben auch eine Kehrseite. Komplexe Zusammenhänge können durch Parolen, Sprechchöre und Songtexte vereinfacht werden und wichtige Aspekte ausblenden. Zusätzlich kann gemeinsames Singen einen gewissen Konformitätsdruck erzeugen. Selbst wenn Zweifel oder Kritik an bestimmten Botschaften, Textzeilen oder Slogans bestehen, sinkt unter solchen Bedingungen oft die Bereitschaft, diese offen zu äußern. Wenn alle Menschen im unmittelbaren Umfeld dieselben Worte selbstverständlich mitsingen oder mitsprechen, kann das verunsichern und das eigene kritische Denken verringern.

Musik ist daher weder per se emanzipatorisch noch manipulativ. Sie kann dazu beitragen, Menschen beispielsweise im Kampf für Rechte und gesellschaftliche Teilhabe zu mobilisieren, ebenso aber genutzt werden, um Kontrolle auszuüben oder problematische oder gefährliche Ideologien zu verbreiten.

In ihrem Elektro-akustischen Konzert SING MIT – SING WITH US! greift das DUO SCHIMKAT BARTHEL diese ambivalente Wirkung von Musik auf.

Ausgangspunkt der Arbeit ist die Beobachtung, dass beide Erinnerungen an die gleichen Arbeits- und Protestlieder haben. Allerdings sind diese Erinnerungen unterschiedlich geprägt. Beide sind in den 1970er Jahren geboren, doch Anna Schimkat wuchs in der ehemaligen BRD in Darmstadt, auf. Ihr wurden diese Lieder und Melodien durch ihre Eltern vermittelt, die in der Friedens - und Frauenbewegung aktiv waren. Die Lieder waren Teil eines sozialen und emotionalen Codes der Bewegung gegen Aufrüstung und atomare Bedrohung sowie für Frieden, Gerechtigkeit und alternative Lebensweisen. Sie waren ein frei gewählter Teil der selbstorganisierten Protestkultur und deswegen bis heute für Anna Schimkat positiv konnotiert.

Michael Barthel hingegen wuchs zur gleichen Zeit in der ehemaligen DDR in Ostberlin auf. Er erlebte diese Musik nicht als frei gewählte Ausdrucksform einer Bewegung, sondern als staatliche Verordnung. Bereits in seiner Schulzeit begegnete er diesen Liedern, deren Mitsingen Pflicht war. Er verbindet sie, trotz ihrer auch oft positiven Inhalten, also mit einer Zeit, die von Restriktionen, Anpassungsdruck und dem Ausschluss jener Kinder geprägt war, die nicht Mitglied der Pionierorganisation waren. Doch auch über die Schule hinaus waren sie, zusammen mit Slogans und politischen Inhalten, als Ausdruck eines omnipräsenten Staates im Alltag.

Was also Anna Schimkat leicht über die Lippen kommt, bleibt Michael Barthel als Kloß im Hals stecken. Die Performance greift diese vielschichtigen Erfahrungen auf und verwebt sie in 11 Stücken mit elektroakustischer Musik und Lautpoesie. Zum Einsatz kommen präparierte Plattenspieler, Megafone, industrielle Objekte, Field Recordings sowie die eigenen Stimmen.

Beispielsweise tauchen Ausschnitte von alten Aufnahmen dieser Lieder auf, die verfremdet und in neue Klangkulissen eingebettet werden. Die ursprünglich heroische Stimmung wird dabei mal humorvoll kommentiert, mal beinahe verstörend und angsteinflößend verzerrt. Auch andere zeithistorische Quellen kommen zum Einsatz. Anhand von Helmut Kohls berühmter Rede vor der Dresdner Frauenkirche setzt sich die Arbeit auch kritisch mit der Wiedervereinigung auseinander und reflektiert die Erfahrungen einer Transformationsgesellschaft dreißig Jahre nach dem Ende der DDR im Kontext der Industriegeschichte. Auch emotional aufgeladene Objekte wie ein Zaun werden bespielt und so Teil der Geräuschkulisse. Schmerz, Hoffnung, Trennung, Verzweiflung und Verbindung werden akustisch erfahrbar. Im Kontext von Arbeitskämpfen treten zudem Marx, Adorno und Horkheimer ebenso auf wie Straßennamen, die auf Arbeit und Werktätigkeit verweisen und zu Gedichten werden.

Insgesamt wird die motivierende und bestärkende Kraft des gemeinsamen Singens und Rufens ebenso deutlich wie das aggressive und unterdrückende Potential, was sich darin verbirgt. Auch das Publikum wird eingeladen, Teil dieser Erfahrung zu werden. SING MIT – SING WITH US! ist eine berührende Performance, die durchgehend in den Bann zieht. Trotz teils schwerer und tiefgründiger Themen gelingt es dem DUO SCHIMKAT BARTHEL durch einen fein abgestimmten dramaturgischen Aufbau und den gezielten Einsatz von Humor, dass nicht die Schwere überwiegt, sondern Neugier und zugleich Motivation auslöst, weiter zu hinterfragen.



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